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Winter-Gedicht
 
Altes Kaminstück
(Heinrich Heine 1797-1856)

Draussen ziehen weisse Flocken
Durch die Nacht, der Sturm ist laut;
Hier im Stübchen ist es trocken,
Warm und einsam, stillvertraut.


 
 
 
 
 
 
 
Sinnend sitz ich auf dem Sessel,
An dem knisternden Kamin,
Kochend summt der Wasserkessel
Längst verklungne Melodien.
  
 
 
Und ein Kätzchen sitzt daneben,
Wärmt die Pfötchen an der Glut;
Und die Flammen schweben, weben,
Wundersam wird mir zu Mut.
 

 
Dämmernd kommt heraufgestiegen
Manche längst vergessne Zeit,
Wie mit bunten Maskenzügen
Und verblichner Herrlichkeit.
 

 
Schöne Frauen, mit kluger Miene,
Winken süss geheimnisvoll,
Und dazwischen Harlekine
Springen, lachen, lustigvoll.
 

 
Ferne grüssen Marmorgötter,
Traumhaft neben ihnen stehn
Märchenblumen, deren Blätter
In dem Mondenlichte wehn.
 

 
Wackelnd kommt herbeigeschwommen
Manches alte Zauberschloss;
Hintendrein geritten kommen
Blanke Ritter, Knappentross.
 

 
Und das alles zieht vorüber,
Schatten hastig übereilt -
Ach! da kocht der Kessel über,
Und das nasse Kätzchen heult.

Text: Heinrich Heine
Bilder: © Peter Stutz, 2005
 
Winterimpressionen